Erfolg
durch Breitenförderung und
individuelles Lernen
Die Pädagogin Anne Ratzki
reiste bereits im Frühsommer
diesen Jahres mit einer deutschen
Delegation von rot-grünen
Bildungspolitikerinnen und
Bildungsexperten aus
Nordrhein-Westfalen nach
Schweden, um vor Ort den Alltag
im "Wunderland Bildung" in
Augenschein zu nehmen.
Unser erster Schulbesuch in
Skövde, einer Industriestadt
nicht weit von Göteborg,
begann eher ernüchternd. Die
Basisschule Rydskolan wurde in
den 70er Jahren inmitten eines
Neubaugebietes in das
Einkaufszentrum integriert:
Grauer Beton, lange Gänge,
manches erinnerte uns an die
ersten Gesamtschulgebäude im
Ruhrgebiet.
Doch diese Schule hielt auch
Überraschungen für uns
bereit. Meeri, didaktische
Leiterin und unsere
Ansprechpartnerin, ging mit uns
in eine nahe gelegene kleine
Wohnung, die die Gemeinde als
Lernzentrum angemietet hatte.
Sozialarbeiter, Psychologen und
Lehrkräfte mit
Sonderschulausbildung arbeiten
hier zusammen, um Kinder, die im
Klassenunterricht durch ihr
aggressives Verhalten nicht mehr
tragbar sind, zu betreuen und
soweit zu stabilisieren, dass sie
wieder in ihre Klasse zurück
können.
Mehr über Besonderheiten der
inneren Organisation der Schule
erfahren wir in Gesprächen
im Lehrerzimmer. Die
Lehrkräfte arbeiten in
Teams, und zwar
jahrgangsübergreifend.
Für verschiedene
Unterrichtsvorhaben werden die
Schülerinnen und
Schüler in Untergruppen
altersmäßig gemischt.
Kein
45-Minuten-Takt
Unser nächster Besuch gilt
der Gesamtschule in Vasaskolan.
Auch hier arbeiten die
Lehrkräfte in Teams, die sie
"Häuser" nennen, bisher bis
Klasse 6. Aber nun hat das
Kollegium beschlossen auch in den
oberen Klassen Teams
einzurichten. Je zwei
Lehrkräfte führen hier
eine Klasse gemeinsam und jede
betreut außerdem drei bis
vier Schüler einer anderen
Klasse beim individuellen Lernen.
Hier fällt uns auch der
ungewöhnliche Stundenplan
auf - kein Gleichschritt im
45-Minuten-Takt, sondern ganz
unterschiedliche Zeiten für
verschiedene Fächer. Wir
erfahren, dass es Minutenvorgaben
für Fächer in der Woche
gibt und dass die Teams in diesem
Rahmen festlegen können, wie
oft und mit wie viel Minuten pro
Unterrichtseinheit ein Fach
unterrichtet wird.
Dieser Freiraum in der Gestaltung
der täglichen Arbeit, der
den Schweden so
selbstverständlich ist,
zeigt sich in vielen
Einzelheiten. Der Unterricht, den
wir erleben, ist eher
unspektakulär, ohne
besondere methodische Raffinesse.
Doch in allen sieben von uns
besuchten Schulen erleben wir
eine freundliche Atmosphäre
und ein entspanntes
Verhältnis zwischen
Schülern und Lehrern.
Oberstufe
für alle
Als
wir uns am nächsten Tag im
Sekretariat des Kavelbrogymnasiet
anmelden wollen, spricht uns ein
junger Mann in Englisch an: "My
name is Per. What is your name?"
Dann stellt er uns seinen Freund
Matts vor. Beide sind geistig
behindert. Per plaudert nun
weiter über die drei
Schulleiter, über die
Sekretärin, fragt uns, woher
wir kommen, alles in gutem
Englisch. Freundlich
begrüßt er auch Ruby,
eine der Schulleiterinnen und
unsere Ansprechpartnerin für
diesen Tag, und wir setzen das
Gespräch in Englisch noch
eine Weile fort.
Per hat vom ersten Schuljahr an
Englisch gelernt, das ist
Vorschrift in Schweden für
alle Kinder, auch für
geistig Behinderte.
Überhaupt sind Behinderte so
weit als möglich in den
Unterricht einbezogen.
Sonderschulen gibt es nur
für wenige schwer behinderte
Kinder. Nach der Basisschule ist
Per auf das dreijährige
Oberstufenzentrum
übergewechselt. Hier kann er
an einem vierjährigen
Programm mit Berufsausbildung
für Jugendliche mit
Lernproblemen teilnehmen.
Außerdem werden
individuelle Programme für
Schülerinnen und
Schüler angeboten, die die
Lernziele der Basisschule in
Schwedisch, Englisch und
Mathematik nicht erreicht haben.
Ruby führt uns durch das
weitläufige
Schulgelände. Zehn
doppelqualifizierende Programme
bietet das Kavelbrogymnasiet an,
von Elektrotechnik und Energie
bis hin zu Freizeitpädagogik
und Hotelwesen. Was uns
auffällt in dieser
Oberstufenschule und auch bei
zwei anderen ist vor allem die
selbstverständliche
Gleichwertigkeit der beruflichen
und allgemeinen Ausbildung. Fast
jedes Programm bietet eine
Doppelqualifizierung an, mit
berufsbezogenen Elementen,
meistens mit obligatorischen
Praktika außerhalb der
Schule. Aus jedem Programm kann
man bei entsprechenden Punkten
und Noten in acht obligatorischen
allgemeinen Fächern die
Hochschulreife erreichen.
Individualisierung
Einem Begriff begegnen wir bei
unseren Besuchen und
Gesprächen immer wieder: der
Individualisierung. Er scheint im
Mittelpunkt der schwedischen
Schule zu stehen, ist
Schlüssel zum
Verständnis des schwedischen
Wegs. Was ist damit gemeint? Das
schwedische Schulgesetz
formuliert als Ziel, dass alle
jungen Menschen gleichwertig
ausgebildet werden müssen,
unabhängig vom Geschlecht,
dem Wohnort, der sozialen und
ökonomischen Lage. Und das
Mittel zu dieser gleichwertigen
Ausbildung in der gemeinsamen
Schule ist die individuelle
Förderung.
Wie das die schwedischen Lehrer
umsetzen, erleben wir in einer
Mathematikstunde: Etwa eine
Viertelstunde lang übt der
Lehrer einer 8. Klasse
Kopfrechnen mit Potenzen, dann
arbeiten die Jugendlichen mit
drei verschiedenen Büchern,
an ganz unterschiedlichen
Kapiteln selbstständig
weiter, je nach Lernstand. Der
Lehrer hilft und berät sie
dabei. Zwei sehr schwache
Schüler besuchen
vorübergehend eine eigene
Fördergruppe, die
klassenübergreifend
eingerichtet ist. Wenn wir durch
die Schulen gehen, fallen uns
immer wieder Schüler auf,
die einzeln in einem leeren
Klassenraum, zu mehreren in einer
freundlich eingerichteten Ecke
oder der Bibliothek konzentriert
arbeiten.
Ohne
schlechte Noten
Das Bewertungssystem ist ein Teil
dieser individuellen
Förderung. In der
Basisschule gibt es bis zur 8.
Klasse keine Noten, sondern
Schüler, Eltern und
Lehrkräfte treffen sich zu
einem Gespräch über den
Lernfortschritt. Die
Stöpanskolan-Schule hat dazu
folgendes Verfahren entwickelt:
Die Kinder schreiben auf, wie sie
ihren eigenen Lernstand
einschätzen, die Lehrerin
verfasst ebenfalls ein Gutachten,
beides erhalten die Eltern zur
Vorbereitung auf das
Gespräch. Ab der 8. Klasse
werden die Fächer Englisch,
Schwedisch und Mathematik
bewertet, denn jetzt geht es auf
den Abschluss zu.
Verblüffend war für
uns, dass es keine schlechten
Noten gibt, sondern Noten erst
bei "bestanden" anfangen.
Ohne
Sitzenbleiben
Die
schwedische Schule kommt ohne
Sitzenbleiben aus. Sie erspart
den Heranwachsenden diese
demütigende Erfahrung,
lässt ihnen Zeit und Hilfen,
die Lernziele zu erreichen und
setzt auf die eigene
Verantwortung fürs Lernen.
Anstrengungsbereitschaft und
Leistung, davon sind die Schweden
überzeugt, wachsen aus
Selbstvertrauen und Ermutigung.
Die Zahlen geben ihnen Recht:
Fast alle Schüler - in
Tranemo wie Skövde 98
Prozent - schaffen die Ziele der
Sekundarstufe ohne
Zeitverzögerung. Auch wer am
Ende der Sekundarstufe I die
Lernziele noch nicht erreicht
hat, wiederholt nicht etwa die
letzte Klasse, sondern besucht
weiter die Oberstufe. Dort nimmt
er am "Individuellen Programm"
teil, um danach in eines der
doppelqualifizierenden Programme
überzuwechseln. Etwa 60
Prozent schaffen das.
Keine
Differenzierung
Die
Einrichtung von Kursen zur
Fachleistungsdifferenzierung ist
untersagt. Es gibt allerdings
Diskussionen an Schulen
darüber, ob die
Einführung der
äußeren
Fachleistungsdifferenzierung, z.
B. in Mathematik oder Englisch,
die individuellen Lernleistungen
verbessern könnte.
Freimütig berichtet die
Schulleiterin der Vasaskolan in
Skövde, dass das Kollegium
mit Unterstützung der Eltern
einen Versuch gemacht hätte,
das Verbot der äußeren
Fachleistungsdifferenzierung zu
unterlaufen. Man habe die Klassen
8 und 9 wählen lassen
zwischen Leistungsgruppen auf
drei Niveaus. "In kürzester
Zeit haben wir erkannt: Die guten
Schüler haben keinen Vorteil
von dem Arrangement, aber den
Lernschwächeren schadet
diese Trennung nach Leistung
sehr. Wir sind überzeugt zu
unserem alten System
zurückgekehrt."
Arbeitgeber
Kommunen
Der
Staat lenkt durch vorgegebene
Lernziele in den Curricula und
durch landeseinheitliche Tests.
Lehrer sind nicht verpflichtet,
diese Tests durchzuführen,
aber die meisten tun es. Der Test
bleibt beim Lehrer, der Lehrer
kann entscheiden, wie weit er
Testergebnisse für Noten
heranzieht. Die Tests geben
Sicherheit über die
Standards und melden den
Lehrkräften zurück, wie
weit ihre Schüler den
landeseinheitlichen Anforderungen
entsprechen.
Mit der Kommunalisierung des
Schulwesens hat sich die
Verantwortung für die
konkrete Ausgestaltung des
Schulwesens vom Staat auf die
Kommunen und die Schulen
verlagert. Die Schulen haben
weitgehende curriculare Freiheit,
da die neuen nationalen Curricula
nur Zielformulierungen enthalten.
Sie müssen aber der Kommune
ihren schuleigenen Lehrplan
vorlegen. Die Kommunen erarbeiten
in Abstimmung mit den Schulen
einen Schulentwicklungsplan, der
auch gleichzeitig Rechenschaft
ablegt über die Verwendung
staatlicher Gelder und die
Umsetzung der allgemeinen
Rahmenvorgaben. Für
ganzheitliche Planungen
eröffnet die
Kommunalisierung des
Bildungssystems große
Chancen. Allerdings muss man auch
sehen, das sich durch sie die
Bildungsstandards regional sehr
stark unterscheiden.
Unterschiede
Beim
Vergleich des schwedischen
Schulsystems mit dem deutschen
fallen gravierende Unterschiede
auf:
Schweden setzt konsequent auf
Breitenförderung in einer
gemeinsamen Basisschule und in
doppelqualifizierenden
Bildungsgängen in Oberstufe
für alle. Der einzelne
Schüler wird nicht
gezwungen, im Gleichschritt mit
anderen zu lernen, sondern
erhält individuell Zeit und
Förderung. Es gibt statt
Entmutigung durch Sanktionen bei
schlechten Leistungen, Ermutigung
und Unterstützung. Der Weg
zu Abschlüssen bleibt immer
offen, auch nach der Schulzeit
durch die Erwachsenenbildung. Das
"lebenslange Lernen" ist
verbunden mit einer starken
Betonung der persönlichen
Verantwortung aller Beteiligten.
von Anne Ratzki
Weitere Informationen:
www.skolverket.se
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