Jenseits von Bullerbü

In Deutschland wird wieder über Erziehung debattiert: Was brauchen Kinder? Ein Minimum an Idylle. Sie bekommen Fernsehen, Freizeitparks und Fruchtzwerge.

Kindheit in Deutschland? Katharina, sechs Jahre, ist noch ein bisschen müde. Erst gestern sind sie und ihre Mutter mit dem Privatflugzeug aus Miami gekommen. Heute, auf Sylt, gibt es ein volles Programm: Frühstück in der Sansibar, einem Edelimbiss am Strand von Rantum. Papa spricht mit Journalisten. Mama trifft Bekannte. Dann: Fahrt durch die Dünen in Papas Jeep - das neue Ferienhaus angucken, so etwas kann dauern. Nachmittags: Golftraining mit Mama. Abends: Im Reetdachhaus wartet schon das Hausmeisterehepaar. Die beiden hüten Katharina, wenn die Eltern ausgehen. Freundliche Leute, die Babysitter wie die Eltern. Ein schönes Haus, ein nettes Kind. Nur ein bisschen einsam manchmal: Es ist schwer, Freundinnen zu finden, wenn man ständig unterwegs ist. Das wird aber im nächsten Jahr besser, sagt Katharinas Mutter. Dann kommt Katharina in Miami zur Schule, und es ist erst einmal Schluss mit der Herumreiserei.

Carlas Mutter ist Ärztin. Sie trennt sich von Carlas Vater, als das Mädchen vier ist. Die Facharztausbildung ist noch nicht abgeschlossen, die Dienste im Krankenhaus sind aufreibend. Carlas Mutter findet einen neuen Mann: Rechtsanwalt, gut aussehend, drei erwachsene Kinder, geschieden. Zur neuen Liebe gehört ein neues Baby: Tobias. Ein Junge - und ganz entzückend. Auch für den Anwalt, der das Kleinkinderlebnis schon hinter sich zu haben glaubte. Carla stört kaum. Nur ist es so, dass auch niemand sie zu brauchen scheint: weder ihr richtiger Vater, der sie verlassen hat, noch die neue Kernfamilie ihrer Mutter. Keine schlimmen Verhältnisse. Nur ein kleines Mädchen, das oft aussieht, als ob es fröre.

Till wird von seiner Mutter um fünf Uhr morgens geweckt, um sechs liefert sie ihn im Kindergarten ab und fährt weiter. Sie macht ein Berufspraktikum. Till ist immer das erste Kind in der Tagesstätte. Um 15 Uhr holt seine Oma ihn ab. Um ihre Ausbildung zu finanzieren, jobbt Tills Mutter nachmittags im Supermarkt. Um 19.30 Uhr holt sie Till bei der Großmutter ab. Die Fahrt quer durch die Stadt dauert eine Stunde. Um 21 Uhr gibt es Abendbrot. Um halb zehn liegt der Junge im Bett, um zehn schläft er ein.

Keine schlimmen Verhältnisse, wie gesagt. Natürlich bedeutet Kindheit in Deutschland jede Menge freundlicher Normalität. Warum bleibt trotzdem ein Unbehagen? Angesichts der materiellen Fülle, der Abwesenheit von Krieg und Hunger, müsste das Kinderleben hierzulande eigentlich ein Bild irdischen Glücks sein. Doch Fröhlichkeit will sich nicht recht einstellen: Zu sehr spürt man allenthalben den Mangel an Verständnis und Mitgefühl für Kinder - das ist die eine Seite des Problems. Die andere besteht in der Unfähigkeit, ihnen Maßstäbe und Grenzen zu zeigen; anständig für sie zu sorgen. Wer würde sich trauen, "anständig" außerhalb des eigenen Wohnzimmers zu definieren? Wo die einen sich aus Ignoranz und Unfähigkeit nicht kümmern, sind die anderen durch verwässerte Restbestände der antiautoritären Ideologie gelähmt. Womit sich natürlich auch Gleichgültigkeit hervorragend maskieren lässt.

Was überschattet die Kindheit? Erstens die Tatsache, dass Kinder so selten werden. 1970 kamen auf jedes Kind 2,6 Erwachsene - heute sind es 4,4. Nur noch in jedem vierten Privathaushalt leben Kinder unter 18 Jahren. Kinder sind keine Selbstverständlichkeit mehr, nicht der Regelfall. Frauen bekommen ihre Kinder immer später - der relativ größte Teil (34,6 Prozent) mit 30 bis 35 Jahren. Und Mütter sind immer häufiger berufstätig (1972: 40 Prozent; heute: 60). Beides bringt den Frauen - jedenfalls unter günstigen Umständen - echte Freiheitsgewinne, echte Verbesserungen ihrer beruflichen (und damit persönlichen) Perspektiven. Es geht nicht darum, diese Gewinne zu beschneiden. Aber es ist unehrlich, so zu tun, als seien die abwesenden Eltern für Kinder kein Nachteil.

Die Anwesenheit eines Elternteils daheim, jemand, der ein warmes Essen bereithält und womöglich freundlich und anteilnehmend mit einem spricht, ist doch ein objektiver Vorteil gegenüber einer leeren Wohnung - oder einer institutionellen Betreuung, in der nur ein Zwanzigstel eines Erwachsenen auf jedes einzelne Kind wartet. Niemand würde vernünftigerweise fordern, die Frauen sollten an den Herd zurückkehren. Aber es besteht kein Grund zur Heuchelei: "Mehr Schlüsselkinder!" oder "Mehr Gruppenbetreuung!" sind auch keine besonders attraktiven Parolen einer neuen sozialen Bewegung. Wer Nachteile in der Berufstätigkeit beider Eltern zu erkennen glaubt, dem wird leicht Frauenfeindlichkeit unterstellt. Ebenso macht sich verdächtig, wer auf das Elend der Scheidungskinder hinweist. Gehört es doch zu den Dingen, die jeder weiß (weil es ganz praktisch ist, so etwas zu wissen), dass eine unglückliche Beziehung der Eltern schlechter für Kinder ist als gar keine. Die entlastende bürgerliche Doppelmoral, die Strukturen erhielt, manchmal wohl auch Gefühle schonte, wo nicht alles authentisch war, ist endgültig passé. Bevor sich Erwachsene heute mit einer unbefriedigenden, aufgebrauchten Beziehung abfinden, geben sie lieber sozialwissenschaftliche Studien in Auftrag, aus denen unzweifelhaft hervorgeht, dass Trennungskinder gegenüber solchen aus heilen Familien keine Nachteile haben.

Dem Trend zur Trennung entsprechend, hat sich die Quote der Alleinerziehenden in den letzten 25 Jahren mehr als verdoppelt: Waren es 1975 rund 7,5 Prozent aller Kinder, die mit nur einem Elternteil lebten, so sind es heute 17 Prozent. Erzieherinnen und Lehrer berichten von einer Teilgeneration vaterlos aufwachsender Jungen, die dank der rein weiblichen Erziehung nicht etwa sanfter und aggressionsgehemmter, sondern im Gegenteil mit geradezu verzweifelter Aggressivität agieren. Wie auch immer die Abwesenheit von männlichen Erziehern sich im Einzelnen auswirken mag - ob das Vorbild fehlt, die Identifikationsfigur, der strenge Vater, der Kumpel, der Verbündete gegen die Mutter, das Prinzip Kantigkeit gegen das Prinzip Weichheit -, sie wirkt offenbar zum Nachteil der Kinder aus Ein-Eltern-Familien. Wenn man sich einiger darüber wäre, dass es vermutlich für kein Kind besser ist, bei nur einem Elternteil aufzuwachsen, könnte man den Blick vielleicht endlich stärker auf jene Männer richten, die verantwortungslos genug sind, ihre Kinder zu verlassen.

Wie sieht, neben den statistischen Belastungen der Familienstruktur, die Kulturphysiognomie der Kindheit aus? Lehrer erwähnen in diesem Zusammenhang häufig eine Beobachtung, die sie auf Klassenfahrten machen: Dass nämlich die Fähigkeit zum Gebrauch von Messer und Gabel, zum halbwegs manierlichen Essen auf breiter Front zurückweiche. Ähnliches kann mit ansehen, wer die Freunde seiner Kinder zum Mittagessen einlädt: Man darf bei Acht- bis Zwölfjährigen nicht voraussetzen, dass sie essen können. Nudeln in Tomatensauce werden mit der Hand in den Mund gestopft und bei offenem Mund gekaut; die Hand mit den Saucenresten wandert zur Jeans. Lecker: Vitaminisierte Nudeln .

Andererseits: Will man denn Dressur? Kinderabrichtung? Sind "Umgangsformen" nicht längst entlarvt als bourgeoise Verzierungen, als un-eigentlich und bigott? Diesem Irrtum waren rund dreißig Jahre Antipädagogik gewidmet. Er ist unvermeidlich, wenn man die Umgangsformen für einen sinnentleerten, willkürlichen Selbstzweck hält. Sie sind aber kein Selbstzweck - sie sind der Ausdruck von etwas anderem. Norbert Elias, der große, von den Nazis in die Emigration getriebene Soziologe, hat dieses andere den "Prozess der Zivilisation" genannt. In der Fülle von Beispielen, die Elias für die langsame Aufrichtung zivilisatorischer Standards anführt, ist das Essen mit Messer und Gabel nur eines. Aber wie die sich verändernde Haltung zum "Spucken" oder die "Wandlungen in der Einstellung zu den Beziehungen von Mann und Frau" illustriert der Gebrauch des Bestecks die Zähmung und Einhegung der menschlichen Antriebe und Affekte durch Tabus, die das Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum erst ermöglichen.

Natürlich zwingt man Kinder auch nicht länger zu essen, was gut für sie ist. Wenn die Kinder kein Gemüse essen, muss man eben die Nudeln vitaminisieren, wenn sie Messer und Gabel nicht gebrauchen können, muss man ihnen Chicken-Nuggets und Fischstäbchen in Finger-Food-Form anbieten - oder gleich Brei, Jogurt, die vielen beliebten Fruchtzwerge, die Kindermilchschnitten und Schoko-Wikinger. Gesund ist diese Ernährungsweise nicht. Für die Vermutung, dass in Deutschland viele - zu viele - Kinder fehlernährt sind, braucht man sich nicht auf Einzelbeobachtungen und Anmutungen im Straßenbild zu stützen: Gab es 1975 noch rund 12 Prozent übergewichtige Mädchen (Jungen: 11 Prozent), so sind es heute 33 Prozent (Jungen: 29). Das Übergewicht ist nicht allein eine Folge falscher, liebloser Ernährung; vielen Kindern fehlt es an Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten. Vertieft in die Ersatzwelten des Fernsehens, gefüttert mit nährstoffreichem Astronautenbrei, sitzen die Kinder in ihren Kapseln und werden immer unabhängiger von, aber auch immer unfähiger zu echter Kommunikation, echter Interaktion mit Gleichaltrigen, echter Bewegung, der Aufnahme echter Nahrung.

Am Wochenende fährt man nicht mit dem Fahrrad, nicht in den Wald oder ans Meer, sondern mit dem Auto und in den Freizeitpark. Dort probiert man die Looping-Bahn aus, grillt (wenn es hochkommt) vor kleinen Gartenbuden-Blockhütten, kauft Eis und Hamburger und eine batteriebetriebene blinkende Plastikhalskette und erlebt einen tollen Tag für die ganze Familie. Ersatzweise sucht man ein Spaßbad auf, in dem die Kinder zwar nicht schwimmen lernen - die Zahl der Kinder, die richtig schwimmen können, sinkt -, aber unter Plastikpalmen eine Wasserrutsche hinunterrutschen dürfen.

Verheerend wirken sich die Signale der Konsumgesellschaft auf die Kinder aus. Es reicht heute nicht, sauber und angemessen warm gekleidet in die Schule zu kommen: Von allen Seiten wird Kindern in einem medialen Mehrfrontenangriff deutlich gemacht, dass sie nur jemand sind, wenn sie den Dress-Code erfüllen können. Heute heißen die angesagten Marken vielleicht Chiemsee oder Fubu, morgen werden sie anders heißen. Wer sich die nötigen Requisiten leisten kann, gehört zur Gesellschaft; wer es nicht kann, steht am Rand. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass ein solches Klima von den Eltern besondere erzieherische Leistungen verlangen würde: Sie müssten ihren Kindern wieder und wieder den Rücken stärken, ihnen - gegen eine Menge Anschauung - klarmachen, dass der Wert eines Menschen nicht von Äußerlichkeiten abhängt. Sie tun es zu wenig.

An den Schulen herrscht ein erheblicher Leistungsdruck: Schon Grundschulkinder, so wünschen es die Eltern, sollen berufsrelevante Kompetenzen erwerben. Von der Schule fordert man Orientierung am Arbeitsmarkt, nicht klassische Bildung oder Stärkung der Persönlichkeit. Mehr als 600 000 Kinder in Deutschland sind bei privaten Nachhilfeorganisationen angemeldet. Doch die Konsequenz, ihre Kinder vielleicht den ersten Abschluss an der Realschule machen zu lassen, statt sie aufs Gymnasium zu zwingen, ziehen die wenigsten Eltern.

Überforderung ist nicht das einzige Problem, dem Kinder in der Schule begegnen. Mehrere Untersuchungen der vergangenen Jahre weisen besonders für den Haupt- und Sonderschulbereich (aber nicht nur für diesen) eine Zunahme physischer und psychischer Gewalt aus, die Schüler einander antun. Befragungen von Schülern in größeren Städten (Leipzig, Hamburg, Hannover, Stuttgart, Kiel) ergaben, dass zwischen 15 und 20 Prozent von ihnen Opfer tätlicher Angriffe geworden waren; 12 bis 17 Prozent der Schulkinder hatten erlebt, dass ihr Eigentum mutwillig zerstört wurde, rund 10 Prozent waren massiv gehänselt worden. Viele Kinder reagieren auf die schulische Doppelbelastung - fachliche Überforderung und latent gewalttätige Atmosphäre - mit klassischen Stresssymptomen. Kopf- und Magenbeschwerden bei Schulkindern nehmen zu; mehr als die Hälfte aller Siebt- bis Neuntklässler fühlt sich erschöpft und überfordert (Jugendgesundheits-Survey 1992/93). Wohlbefinden ist schichtspezifisch: Während 47 Prozent der Kinder aus oberen sozialen Lagen ihren Gesundheitszustand als sehr gut einschätzen und 37 Prozent von ihnen sich für "sehr glücklich" halten, bescheinigen sich nur 21 Prozent der Kinder aus der untersten sozialen Schicht einen sehr guten Gesundheitszustand und nur 17 Prozent von ihnen fühlen sich "sehr glücklich". Angesichts der ungünstigen Vorzeichen, unter denen Kindheit heute steht, muss man möglicherweise die "Unglücklichen" aus jener untersten sozialen Schicht als Vorhut einer künftigen Normalität betrachten.

Von Susanne Gaschke
Susanne Gaschke schreibt seit 1997 in der ZEIT zu Erziehungsfragen. Der vorliegende Text ist ein Vorabdruck aus ihrem Buch "Die Erziehungskatastrophe", das in diesen Tagen erscheint



© DIE ZEIT 26/2001




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