Land ohne Leser

Kinder brauchen Bücher. Und Eltern, die das begreifen.

Die Frankfurter Buchmesse ist ein zuverlässig wiederkehrender Anlass, um über die Rolle von Literatur in unserer Gesellschaft nachzudenken. Seit der Veröffentlichung der Pisa-Untersuchungen ist ein wichtiges Thema hinzugekommen: Sind junge Deutsche überhaupt noch in der Lage zu buchstabieren - von der Lektüre neuer Romane ganz abgesehen? Ein Viertel der 15-Jährigen, das zeigte der internationale Schulleistungsvergleich, kann nicht sicher lesen und schreiben. Das Ergebnis ist eine derartige Schande und ein solches Menetekel für ein so wohlgenährtes Land wie Deutschland, dass man als Reaktion darauf den Ruck aller Rucke erwartet hätte. Doch der blieb aus. Im Gegenteil: Kaum jemand fragt, warum die Schüler nicht lesen und wie man sie dazu bringen könnte. Die bildungspolitisch Verantwortlichen - die Beamten der Kultusministerien, die Lehrerverbände - stürzen sich in vertraute Organisationsdebatten: für und wider Zentralabitur, Schulrahmengesetz, nationale Bildungsstandard! s, neue Evaluation. Wie fast immer geht es um das System statt um die Menschen, scheinen Methoden von größerem Interesse als Ergebnisse.

Das mag daran liegen, dass die Frage, warum wir weniger lesen als je zuvor, banal klingt. Sie ist aber schwer zu beantworten. Und es könnte die Flucht in die abstrakte Methodendiskussion auch damit zu tun haben, dass wir nicht über einen besonders missratenen Jahrgang von 15-jährigen Analphabeten reden, sondern über eine insgesamt lesefaule, bildschirmsüchtige Gesellschaft. Die einfache Kunst des Lesens hat im Klima des ökonomisch motivierten Nützlichkeitswahns nur eine Chance, wenn sie sich modisch als "Kompetenz" tarnt und irgendwie zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts beizutragen scheint. Die mögliche Frucht des Lesens, nämlich "Bildung", spielt in der Diskussion nach Pisa keine Rolle. Und gar über Genuss beim Lesen zu sprechen, über Freude an Büchern, an Märchen und Romanen, klänge in der diffusen Schulkrisen-Stimmung geradezu frivol.

Ironischerweise werden aber die Kinder, in deren Namen jetzt "Kompetenzoffensiven" gestartet werden, von den erhofften Nebenwirkungen des Lesens - Information, Förderung der Konzentrationsfähigkeit - nur dann profitieren, wenn sie das Wichtigste kennen gelernt haben: den Spaß am Text. Kein Sechs- oder Siebenjähriger wird unter dem argumentativen Druck zum Leser, er werde mit 16 eine Lehrstelle bekommen, wenn er sich jetzt ein bisschen anstrenge. Lesen ist kein Programm zum Herunterladen und Abspeichern von Daten im Kopf. Lesenlernen ist ein komplizierter Bewusstseinsprozess, bei dem es darum geht, aus Zeichen Bedeutung entstehen zu lassen. Das ist nicht nur anfangs mühsam, denn dabei ist jedes Kind mit sich allein. Diese Anstrengung wird nur bereitwillig auf sich nehmen, wer weiß, dass er am Ende belohnt wird - nicht mit "Kompetenz", sondern mit Geschichten. Deshalb lernen die Kinder am leichtesten lesen, die schon zu Hause (lange vor der ersten Klasse) mit Büchern in Berührung gekommen sind und erlebt haben, wie viel Freude, Spannung und Trost diese bereithalten. Solche Erfahrungen macht nur derjenige, dem früh und regelmäßig vorgelesen wird und der beobachten kann, dass seine Bezugspersonen gern mit Büchern umgehen.

Die Liebe zu Büchern beginnt (wie andere Erfahrungen eines glücklichen Lebens) im Elternhaus. Genauer, sie müsste dort beginnen: Tatsächlich geht das Engagement für dieses Erziehungsziel dramatisch zurück. Zeitmangel der Eltern kommt als ernsthafter Grund dafür nicht in Betracht. Im Durchschnitt haben die Deutschen an Werktagen 4 Stunden und 42 Minuten Freizeit. Zweieinhalb Stunden täglich verbringen Erwachsene vor dem Fernseher. Da müsste sich eigentlich jene Stunde Vorlesezeit finden lassen, die die britische Autorin Joan Aiken zur Mindestanforderung erklärte: Wer dazu nicht bereit sei, schrieb sie, verdiene es gar nicht, ein Kind zu haben. Der starre Elternblick auf die Mattscheibe ist aber nur ein möglicher Grund dafür, dass Kindern bei uns zu wenig vorgelesen wird. Viele Jahre lang war die deutsche Kinderliteratur nicht besonders attraktiv - didaktisch, moralisierend, immer mit höherem Erziehungsauftrag versehen. Die Inhalte hingen seit dem Struwwelpeter von den pädagogischen und politischen Moden ab: ob es nun um gutes Benehmen oder Ehrfurcht vor den Eltern ging, um ökologisches Bewusstsein, Solidarität mit der Dritten Welt oder Drogenprobleme. Viele Bücher waren schlecht geschrieben, penetrant belehrend, für erwachsene Vorleser unglaublich öde. Und darum für Kinder auf keinen Fall gut genug.

Mit Büchern von Autoren wie Cornelia Funke (Drachenreiter, Die wilden Hühner), Dietlof Reiche (Freddy, ein wildes Hamsterleben) oder Martin Klein (Wie ein Baum) ändert sich das gerade. Doch das bessere, witzigere Kinderbuch bleibt die Ausnahme. Der Literaturbetrieb unterschätzt Kinderliteratur. Dabei sind Kinderbücher nicht die kleinere, unbedeutendere Vorform wirklicher Literatur. Sie prägen vielmehr alle Erwartungen, die Menschen an das Lesen, wenn nicht an das Leben selbst knüpfen. Und wirtschaftlich waren die bedeutenden Kinderbuchklassiker - von der Schatzinsel über Tom Sawyer bis zu Harry Potter - für ihre Verleger meist unbeschreibliche Erfolge.

Selbst wenn Eltern gern (vor)lesen - der Alltag der Kinder ist heute so organisiert, dass sie Leseförderung nicht nur zu Hause benötigen. Wer acht Stunden im Kindergarten verbringt, sollte dort täglich Geschichten hören und Bilderbücher sehen. Das ist jedoch bis jetzt in den wenigsten Kindertagesstätten festes Programm. Auch die Schule könnte sich stärker auf die Lesewerbung konzentrieren: zum Beispiel indem viel mehr Bücher im Unterricht besprochen werden. Warum sollen Kinder nicht in den Ferien drei Bücher lesen, die ihnen selbst gefallen, um später darüber in der Klasse zu berichten? Der Sinn solcher Ferienlektüre läge auch darin, den selbstverständlichen Umgang mit Büchern einzuüben.

Ohne Unterstützung der Elternhäuser werden sämtliche Kampagnen erfolglos bleiben. Um allen Eltern klarzumachen, wie wichtig das (Vor-)Lesen ist, bedarf es eines Klimas, das die Schulen nicht allein erzeugen können. Es geht darum, dass sich ein ganzes Land zur Abwechslung auf eine Aufgabe konzentriert - Kinder und Bücher zusammenzubringen. Deshalb sollte kein Bundeskanzler öffentliche Aufmerksamkeit für "Computer in jedes Klassenzimmer"- Kampagnen aufzehren, ehe nicht jede Schule eine Schulbibliothek besitzt. Deshalb sollte die Kultusministerkonferenz im Post-Pisa-Aktionismus nicht zuerst neue Evaluationsverfahren erfinden, sondern neue Vorlesewettbewerbe ausloben, Preise für Schülergeschichten stiften und Stipendien für intelligente und humorvolle Kinderbuchautoren aussetzen. Deshalb sollte sich eine der First Ladys dieses Landes einmal Hillary Clintons "Reach Out and Read"-Kampagne ansehen, bei der Vorlesebücher an alle Eltern verteilt werden, die mit ihren Kindern zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Und vielleicht den Berliner Verein Lesewelt unterstützen, der ehrenamtliche Vorleser zu Kindern im Grundschulalter schickt. Deshalb sollten wir uns fragen, warum eigentlich niemand die gute Chicagoer Idee "One City, One Book" kopiert, warum nicht ganz Plön oder Magdeburg ein paar Wochen lang das gleiche Buch liest - allein die Diskussion darüber, welches Buch das sein sollte, würde Literatur plötzlich lebendig machen.


von Susanne Gaschke
© DIE ZEIT 42/2002




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